Der nachfolgende Bericht erschien im März in der Flüs­ter­tüte, ein Maga­zin für den Raum Gettorf, an der Via Jut­lan­dica Ost­route gele­gen. Barbara Neusüß, selbst seit vielen Jahren eine der Gastge­benden, die in Gettorf übernach­tenden Jakobs­pilger ein Dach über dem Kopf bieten.

« … hatte Hape Kerke­­ling gemeint und sich in Spanien zum Pil­gern auf den Jakobs­weg begeben. Die Wenig­­sten wissen: Gepil­gert werden kann auch von unse­rer Haustür aus.

Gettorf liegt direkt an der histo­­rischen Pilger­­route „Via Jut­lan­­dica“ und ist durch diesen Zubrin­ger über ein weit verzweig­tes Pilger­­netz direkt mit dem Camino Frances in Spanien verbun­den. Fern­ziel ist das Grab des Apostels Jakobus in San­tiago de Compos­tela in Gali­zien, dem Schutz­­patron der Pilger.

Vor über zehn Jahren begann eine heimi­sche Gruppe von Spanien-Pilgern den mittel­­al­ter­­lichen Weg, der von Jüt­land kom­­mend durch Schles­­wig-Hol­stein führt, zu reak­­ti­­vieren. Histo­rische Auf­zeich­­nungen, alte Pilger­­karten und Kirchen­­doku­­mente wurden durch­­ge­ar­­beitet. Dabei ergaben sich Hinweise auf Wall­­fahrts­­orte und nach­­voll­­zieh­bare Belege für den Verlauf der Pil­ger­­strecke. Die Gettorfer St.Jür­gens-Kirche kann bis 1250 als Wall­­fahrts­­kirche zurück verfolgt wer­den, Wall­­fahrts­­klausen und –kapellen sind in Bohnert, Plön und Ahrens­bök nach­weis­bar. An dem Abschnitt der Via Jut­lan­­dica, der von unse­­rer Haustür aus zu errei­chen ist, liegen Schleswig, Brodersby, Kosel, Eckernförde, Gettorf, Kiel, Preetz, Plön, Bosau Ahrensbök und Lübeck.

Die Strecke beträgt rund 150 km und ist in täg­lichen Etap­pen von ca. 15 Kilo­­metern zu erlau­fen. Sie führt durch land­­schaft­­lich reiz­­volle und abwechs­­lungs­­reiche Gegen­den. Am Ende jeder Etappe besteht die Mög­­lich­­keit, in nicht kom­­mer­­ziel­len, privaten Unter­­künf­ten eine Nacht zu ver­brin­­gen. Dafür sind vorhe­rige Anmel­dung, ein Pilger­­aus­weis und bei einigen Herbergen ein Schlaf­sack und eine Iso­matte erfor­der­lich. Ein Obolus von fünf Euro oder eine Spende sollte einkal­kuliert werden.

Für Pilger ein Dach über dem Kopf

In Gettorf gibt es zur Zeit zwei Pilger­unter­künfte, die im Laufe von nun­mehr zehn Jahren annäh­ernd 200 Pilger beher­­bergt haben. Es ist immer wieder span­nend und auf­re­gend, wenn Pilger vor der Haus­tür stehen. Dabei sind Single-Frauen in der Über­­zahl, Single-Herren vergleichs­­weise gering, ebenso Paare oder Freun­­din­­nen. Sie nehmen teil am Fami­lien­­leben und sollen sich für diese kurze Zeit wie Zuhause fühlen. Es wird gemein­­sam zu Abend gegessen – tradi­­tionell Pell­kar­­tof­feln und Quark – und vor dem morgend­­lichen Aufbruch gibt es das normale Fami­lien­­früh­stück. Dazwi­schen kann ein langer Abend liegen, mit guten Gesprächen und regem Gedan­­ken­­austausch.

In den selten­sten Fällen sind heute aufer­legte Buße, das Bemühen um einen Ablass oder die Erfül­­lung eines Gelübdes der Anlass einer Pil­ge­rung. Der moderne Pilger ist ausge­­stat­­tet mit prak­­tischer Funk­tions­­kleidung, benutzt das Handy mit GPS und versorgt sich mit Ener­gie-Riegeln. Er verzich­tet aber nicht auf das histo­­rische Pilger­­kenn­­zeichen, die Jakobs­­muschel an sei­nem Ruck­sack. Und dennoch: Sein Anlass zum Pilgern hat einen erkenn­bar spiri­­tuellen Hinter­­grund. Er ist bereit, als „Peregrinus“ oder „Pilgrim“, also als Fremd­­ling, sich auf den Weg in die Fremde zu machen und dafür sich auf das Notwen­­digste zu redu­zieren. Jedes Kilo Gewicht drückt auf Schulter und Rücken. Er ist bereit, sich für einen selbst bestimm­­ten Zeit­­raum vom lästigen Lärm, vom täg­lichen Zeit- und Leis­tungs­­druck, vom verlo­ckenden Konsum und von unver­­meid­­lichen Verpflich­­tungen zurück­zuziehen. Nur mit dem Aller­­nö­­tig­sten aus­ge­stattet in der Fremde schweig­sam die Orien­­tierung finden – das bedeu­tet für manchen Pilger eine Heraus­­for­de­rung und lenkt mit etwas Glück den Blick und das Gehör auf das Wesent­liche in sich und in der Natur. »

Quelle: Ein Artikel von Barbara Neusüß in Die Flüstertüte Gettorf Ausgabe Nr. 192, im März 2020

Pilgern auf der Via Jutlandica
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