Aus dem PilgerTagebuch von Bettina:   Zu Fuß unterwegs im Juni 2021 von Plön nach Bosau auf der Ostroute der Via Jutlandica, dem Weg der Jakobspilger durch Schleswig-Holstein.

« Heute wird mich die Jakobsweg­Muschel von Plön nach Bosau führen. Ange­nehme 10km. „Fast wie ein Spazier­gang“, denke ich noch am Morgen beim ausge­dehnten Frühstück. Hervorragend übernachtet habe ich in der ev. Bildungs­stätte Koppelberg. Ich lasse mir Zeit, die ich für die Innen­stadt von Plön nutzen möchte. Mal wieder richtig bummeln gehen, mich unter die Menschen mischen und das pralle Leben genießen. Ich gehe zuerst in die Nikolai­kirche und werde mit einer Chor­probe beschenkt. Beim „Ave Maria“ kullern ein wenig die Tränen. Es ist soooo schön. Plön ist zauber­haft. Und dennoch, nach drei Stunden werden mir all die Menschen zu viel. Ich habe Sehnsucht. Ich will auf meinen Weg, ihn fortsetzen.

Diese Etappe zwischen Plön und Bosau ist wunder­wunder­schön. Keine Zivi­lisation. Keine Menschen. Trampel­pfade, Felder, Wälder, Bäume mit tief­hän­genden Ästen. Seen­land­schaft, Wild­blumen, High­land­rinder. Alles wie in einem anderen Jahrhun­dert, fast schon erwarte ich hinter einer der nächsten Abbiegung ein altes Wikingerdorf.

Es ist wieder sehr heiß. Gewitterluft. Zahlreiche Mücken beglei­ten mich heute. Und natür­lich habe ich Mücken­spray dabei. Was denkt ihr denn? Dummer­weise habe ich es ganz unten in den Tiefen meines Rucksacks vergraben. Wie sollte es auch anders sein. Der anfangs so leicht angedachte Spazier­gang wird somit zum Schluss hin ein kleines Wett­rennen gegen die Mücken. Nur dass die Mücken keinen 8kg-Ruck­sack auf dem Rücken haben. Das kann ich wohl nicht gewinnen. Völlig verschwitzt und leicht zerstochen treffe ich in Bosau ein. Das Gemeinde­haus wird heute meine Herberge sein, und liegt am anderen Ende dieses kleinen, hübschen Dorfes.

Durch den Garten des Pastorats werde ich von einer kleinen Schar vorwit­ziger Hühner wild gackernd bis zur Haustür begleitet. Sie erin­nern mich an aufge­regte und verspiel­te Hunde­welpen. Sie eilen mir bis zur Haustür voraus und gackern unaufhalt­sam wild: „Komm schon, hier geht’s lang, schnell, schnell .. gack, gack, gack“. Du meine Güte, sind die witzig. Ich klingel. Die Tür geht auf und zack .. sind die Hühner im Haus und schauen die Haus­herrin erwar­tungs­voll an. Ahaaa, so geht das .. Hühner lassen sich hervor­ragend kondi­tio­nieren: Huhn sieht Pilger und Pilger = Rosinen. Diese bekommen sie dann nämlich auf den Rasen gestreut, damit sie das Haus wieder verlassen. Ganz schön schlau, diese Hühner. Ich wollt, ich wär ein Huhn – oder ich hätt ein solches.

Das Gemeindehaus ist groß und beeindruckt zudem mit einem unfassbar schönen Aus-und Weit­blick auf den Bischofsee. Heute bin ich hier alleine, die einzige Pilgerin. Ich erhalte eine Matratze. Es gibt ein WC, eine Dusche und sogar eine Küche. Mehr brauche ich nicht. Das „Gasthaus zum Frohsinn“ nebenan sorgt am Abend für ein wirklich gutes Essen.

Danach sitze ich in der Kirche in einer der Bänke. Es ist total still und angenehm kühl. Hier spüre ich eine ganz beson­dere Energie. Mein Herz hüpft. Und die Tränen kullern. DANKE – für die Stille. DANKE – für die Begeg­nung mit meiner Trauer. DANKE – für Raum und Zeit für meine Gefühle. DANKE – für meine Familie und Freunde. DANKE.

Den Rest des Abends verbringe ich vor dem großen Fenster mit dem tollen Ausblick. Auf der Wiese zum See tum­meln sich viele, viele Wildgänse .. bei ihnen entdecke ich ein einzelnes Wildkaninchen. Von irgendwo her gesellt sich ein Frosch­konzert dazu. Bosau, ich liebe dich .. und deine Hühner, Gänse, Kaninchen, Frösche .. und deine wundervolle Kirche. Schön ist es, jetzt hier zu sein. »

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Ein Tag auf der Osteroute der Via Jutlandica
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